“Innovativ” ist mit hoher Wahrscheinlichkeit neben anderen Begrifflichkeiten wie “disruptiv” und “Quick wins” in sämtlichen Bullshit-Bingos zu finden. So innovativ ist Innovation als Schlagwort jedoch nicht. Schon Management-Guru Peter Drucker hat vor knapp 30 Jahren die Innovationskraft von Organisationen als zentrales Dogma für deren Erfolg propagiert. 

Interessant ist das insbesondere vor dem Hintergrund, dass Menschen Neues eigentlich gar nicht mögen. Gut – betrachtet man die menschliche Evolution als Ganzes, könnte man meinen, wir wären super innovativ, weil wir nicht mehr auf Bäumen oder in Höhlen wohnen. Aber halt – ist nicht ein Haus nur eine sehr komfortable Höhle?

Ist Spotify nicht nur eine sehr umfangreiche Plattensammlung?

Und ist ein Auto nicht eigentlich nichts weiter als eine pferdelose Kutsche? Umgangssprachlich nennen wir Autos ja sogar noch Wagen

Der Weg von der Kutsche zum Auto scheint uns in der Rückschau ein sehr kurzer und nur logisch. Wer von uns würde heute lieber mit dem Pferdewagen im Berufsverkehr stehen? Da liegt auch der Schluss nahe, dass man das Auto kurz nach seiner Erfindung als Heilsbringer der Mobilität gefeiert haben muss. Stimmt aber nicht. Menschen haben sich sogar am Straßenrand aufgereiht und “Get a horse!” skandiert – so innovativ und fantastisch fanden sie die ersten Motorwagen. 

Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.

(angeblich) Kaiser Wilhelm II., Staatsoberhaupt, Kriegstreiber, Zukunftsforscher.

Richtig beliebt wurde das Auto außerdem, als es die ersten Verkehrstoten gab. In den ländlichen Gebieten der USA wurden die Fahrer:innen aus ihren Teufelswagen gezerrt und vermöbelt, teilweise wurde auf sie geschossen. 1909 gründete sich eine von zahlreichen Anti Automobile Leagues. Gut. Dass rückständige Landeier nichts von Fortschritt halten, könnte man meinen, sei nicht überraschend. Aber auch die akademische Elite warnte vor den Folgen des Autofahrens. Fahrer:innen wurden als rücksichtslos wahrgenommen, was Psycholog:innen darauf zurückführten, dass Autofahren das Gehirn verändere und Menschen zu Motor Maniacs werden ließe. 

Aller Warnungen zum Trotz – wir wissen wie die Geschichte ausgeht: Das Auto wird die Mobilität verändern und die moderne Gesellschaft prägen wie wenige Innovationen zuvor. Und jetzt ist es witzigerweise genau andersherum: Innovator:innen suchen nach Alternativen zum Auto, möchten Mobilität in Gänze neu denken – und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die an ihren rückständigen Verbrennern festhalten. Ironie der Geschichte: Genau dieselben Menschen hätten vor 120 Jahren noch “Get a horse!” gerufen. Vermutlich. 

Aber man müsste eigentlich meinen, dass der Mensch aus seiner Vergangenheit lernt – oder? Hint: Nein. Wir finden nach wie vor vieles Neue erstmal doof. Und zwar nicht nur die Pistolen wedelnden Hinterwäldler:innen unter uns. Auch in intellektuellen Zirkeln wird seit jeher jede neue Technologie und ihr Einfluss auf die Gesellschaft und insbesondere die Jugend diskutiert.

Nicht nur die sozialen Medien gerieten ins Kreuzfeuer der Skeptiker:innen. Vor ihnen waren da schon Comics, ihre weniger wilden Vertreter die Romane und sogar Teddybären. Alles mal Neuheiten, die angeblich nur geschaffen wurden, um die Jugend zu verderben und zu korrumpieren. Was man gegen Teddybären haben kann? Nun, Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als der drollige Plüschkumpan, der zu Ehren von Theodore Roosevelt erfunden wurde, an Beliebtheit gewann, legte man ihm nichts Geringeres zur Last als “Rassensuizid”. What the –? Ja genau. Es wurde vermutet, dass das Spielen mit Teddybären den Mutterinstinkt von Mädchen auslösche und Jungs verweichlichen ließe. Da es auch heute noch Schwachsinn redende Amerikaner:innen gibt, vermute ich, dass diese Annahme falsch war. 

Die Argumentationsmuster sind sich außerdem oft überraschend ähnlich. So wurde in den USA der 1950er mit den gleichen Argumenten gegen Comicbücher gewettert, wie es hierzulande (und anderswo auch) gegen die berühmten Killer-Spiele der Fall war. Die rohe Darstellung von Gewalt würde die moralisch noch leicht zu beeinflussenden Teenager:innen zu gewalttätigen Kriminellen werden lassen. Dies schrieb der deutsch-amerikanische Psychiater Fredric Wertham in seinem 1954 erschienen Buch “Seduction of the Innocent” – und so ähnlich auch der Focus 2016, allerdings über ein anderes Medium. 

Die Killerspiel-Debatte entflammte sich an jugendlichen Amokläufern, die in ihrer Freizeit oft sog. Ego Shooter wie Counter-Strike gespielt hatten. Ob sie auch Comics gelesen hatten, wurde medial wenig aufgearbeitet. Es war in jedem Fall einfacher, sich auf neue, vermeintlich gefährliche Medien einzuschießen, als nach den altbekannten Baustellen psychische ErkrankungenGewalt in der Familie oder Mobbing in der Schule zu suchen. Letztere kann man weniger leicht reglementieren oder abschaffen. Eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie hat übrigens belegt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Gewalt und dem Spielen von Ego Shootern gibt. Auch Teenager:innen können zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Ob eine ähnliche Untersuchung auch für Comicbücher durchgeführt wurde, ist mir nicht bekannt.

Was mir auch nicht bekannt war, ist, welche Wellen der Walzer im Europa des 19. Jahrhunderts geschlagen hat. Heute als Klassiker und Folterinstrument für Hochzeiten und Abibälle verschrien, hatte der Walzer in der europäischen Hautevolee einen schweren Start. Ursprünglich ein bäuerlicher Tanz, walzte er sich Ende des 18. Jahrhunderts seinen Weg in feinere Kreise. Der Walzer war attraktiv, weil man seinen Grundschritt im Vergleich zu den sonst üblichen höfischen Tänzen sehr leicht erlernen konnte. Skandalös war der Tanz aus damaliger Sicht, weil es verhältnismäßig viel Körperkontakt gab. Die Kirche bezeichnete den Walzer daher wenig überraschend als sündhaft.

Aber nicht nur Moralapostel meldeten sich zu Wort. Ähnlich wie bei Autos und Teddybären ein Jahrhundert später, wurden die vermeintlichen Gesundheitsrisiken dieses neumodischen Tanzes ausgiebig diskutiert. Insbesondere auf das weibliche Geschlecht hätte der Walzer verheerende Auswirkungen: Die vielen Umdrehungen würden Frauen in einen Zustand der Verwirrtheit versetzen. Außerdem würden ihre Körper durch das schnelle Tempo stark aufgeheizt – nicht auszudenken, was passiert, wenn ein Mann mit niederen Absichten sie in diesem Zustand in seine Kutsche locken könnte! Interessant, dass auch hier lieber ein Tanzverbot diskutiert wurde, als die niederen Absichten mancher Männer. Wie gut, dass wir solche Debatten heutzutage nicht mehr führen müssen (Warum Kleidung für Vergewaltigungen verantwortlich gemacht wird.)

Und zwei weitere Muster lassen sich erkennen: 

  1. Klassismus & RassismusDer Walzer hat seinen Ursprung in der bäuerlichen Klasse. Hinter der moralischen Kritik verbarg sich oft ein entsprechender Standesdünkel bis hin zu offener Diskriminierung. Jazz und Breakdance – beide entstammen afroamerikanischen Subkulturen in den USA – können im wahrsten Sinne ein Lied davon singen. Wurde Jazz kurz nach seinem Bekanntwerden noch als „Negermusik“ verunglimpft, gehört der Besuch von Jazzclubs heutzutage zum Habitus vieler (Möchtegern-)Intellektueller. In den 1980er Jahren an vielen Schulen verboten, wird Breakdance ab 2024 eine olympische Sportart.
  2. Innovationspotenzial hat, was den (Einfluss-)Reichen gefälltDen Aufstieg in die viel besprochene Mitte der Gesellschaft verdanken die meisten Phänomene zwei besonderen Gruppen von Innovatoren: Jugendlichen, die Dinge aus Subkulturen übernehmen, um sich von ihrer Elterngeneration abzugrenzen, aber vor allem auch: the rich and famous. Die Geschichte des Walzers reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert. Populär wurde er aber erst mit der Einführung in die höfische Gesellschaft. Auch am Aufstieg des Autos ist die Oberschicht nicht ganz unschuldig. Die ersten Autos konnten sich nur reiche Mitglieder der Gesellschaft leisten. Die Kritik an den neumodischen Automobilen verlief daher tatsächlich auch entlang gesellschaftlicher Trennlinien. Allerdings sind Menschen mit gut gefüllten Taschen auch oft in der Politik gut vernetzt und so wurde – insbesondere in den USA – viel Lobbyarbeit für die neue Innovation Motorwagen betrieben. Fußgänger:innen und öffentliche Verkehrsmittel wurden zugunsten der Autos aus Ballungszentren vertrieben, das sog. Jaywalking – das Überqueren einer Straße an der falschen Stelle oder auf eine gefährliche Art und Weise – wurde zur Ordnungswidrigkeit erklärt. Autos wurden also zuerst vor den Menschen geschützt, nicht andersherum.

Was lernen wir denn nun daraus?

 

Möglicherweise, dass Innovationen sich immer im Spannungsfeld von Neugier und Skepsis bewegen. Oder, dass rückblickend betrachtet alles oft viel klarer scheint. 

Oder, dass Neuheiten ein Anlass sein können, alte Muster zu hinterfragen, zu überlegen, wie wir uns die Zukunft eigentlich vorstellen oder wünschen. Vielleicht ertappen wir uns selbst hin und wieder dabei, dass sich hinter unserer gefühlt rationalen Kritik eigentlich eine sehr subjektive Emotion verbirgt. 

Und: Innovationen verändern uns eventuell viel weniger, als dass sie lediglich bereits Dagewesenes zum Vorschein bringen. Schließlich sind wir oftmals viel mehr Mensch, als wir uns das gerne eingestehen.

 

Dieser Post ist im Original als Beitrag des kibibetters im November 2021 erschienen.