Zwei Mäuse im Reich der Mitte – Handbuch für zu Hause
Handbuch · Ausgabe für zu Hause · Oktober 2026

Zwei Mäuse im
Reich der MitteEin Handbuch zum Mitreisen

Wo wir sind, was das für Orte sind und was man über sie wissen sollte, bevor wir davon erzählen.

11.10. Frankfurt 12.10. Hongkong 14.10. Chongqing 19.10. Kunming 22.10. Dali 26.10. Shenzhen 31.10. zurück
Karte unserer Route durch Südchina Schematische Karte: von Hongkong nach Chongqing, weiter nach Kunming und Dali, dann zurück nach Shenzhen und Guangzhou. Jangtse Südchinesisches Meer Frankfurt, 11.10. ↖ Chongqing14.–18.10. Kunming19.–21.10. Dali22.–24.10. Guangzhou Hongkong & Shenzhen12.–13.10. · 26.–31.10. Flug Zug
Die Route: von der Küste ins Landesinnere, hinauf aufs Hochland von Yunnan und zurück ans Meer. Schematisch, nicht maßstabsgetreu.
Vorab

Wie man dieses Buch benutzt

Ihr fahrt ja nicht mit. Also steht hier das Hintergrundwissen, damit unsere Erzählungen später irgendwo andocken können.

Wir sind einundzwanzig Tage weg. Über China hört man in Deutschland fast nur zwei Sorten Nachrichten: Wirtschaft und Politik. Über den Rest – also über das, wo Menschen wohnen, essen, arbeiten, Musik machen – erfährt man wenig. Und die Orte, an die wir fahren, kommen dabei praktisch nie vor. Chongqing hat mehr Einwohner als Nordrhein-Westfalen und Bayern zusammen, und der Name sagt hierzulande niemandem etwas.

Vorne stehen die Grundlagen: wie spät es dort ist, wie das Land funktioniert, warum wir kein Bargeld dabeihaben. Dann die fünf Stationen – jede mit einem ausführlichen Porträt, weil das der eigentliche Zweck dieses Heftes ist. Danach längere Kapitel über Essen, Tee, Sprache, Musik, Zugfahren, Minderheiten. Ganz hinten die praktischen Dinge und eine Mediathek mit konkreten Dokumentationen, Podcasts und Artikeln auf Deutsch.

Was ihr hier nicht findet, ist ein Tagesplan. Wir haben keinen. Bei jeder Station steht, was man dort machen könnte und was uns reizt – ob wir es tun, entscheiden wir vor Ort. Sonst hätten wir euch hinterher nichts mehr zu erzählen.

Zu den Bildern

Die Fotos werden beim Öffnen aus der freien Bilddatenbank Wikimedia Commons geladen. Dafür braucht der Computer Internet. Bleibt ein Bild grau, steht darunter trotzdem, was zu sehen gewesen wäre.

Kapitel 1

Der Süden

Drei Stationen, die zusammengehören – aber erst, wenn man weiß, warum.

Auf der Landkarte sieht die Route zerfasert aus: Küste, dann tief ins Landesinnere, dann hinauf aufs Hochland, dann zurück ans Meer. Tatsächlich bleiben wir die ganze Zeit im selben China – im Süden. Und der ist etwas anderes als der Norden mit Peking, der Terrakotta-Armee und der Großen Mauer, also mit allem, was man aus Bildbänden kennt.

Der Norden ist das China der Kaiser, der Weizenfelder, der Staatsmacht. Der Süden ist das China des Reises, der Flüsse, der Berge und des Handels. Er war jahrhundertelang weiter weg von Peking, als es die Kilometer vermuten lassen – vor der Eisenbahn brauchte man von der Küste ins Rote Becken von Sichuan Wochen. Daraus ist ein Sprichwort entstanden, das man in Yunnan bis heute hört: Die Berge sind hoch, und der Kaiser ist weit. Wer das sagt, klingt dabei erleichtert.

Was die drei Regionen verbindet, sind Handelswege. Das Perlflussdelta um Guangzhou und Hongkong war jahrhundertelang Chinas einziges Tor zur Welt – hier kamen die Europäer an, hier ging der Tee nach Westen. Der Jangtse verband die Küste mit dem Landesinneren; an seiner Schleife liegt Chongqing, das Tor zum Westen. Und von Yunnan aus zog jahrhundertelang die Tee-Pferde-Straße nach Tibet, Burma und Indien: Nach Norden gepresster Tee, nach Süden Pferde und Jade.

Drei Handelsräume, drei Küchen, drei Sprachen, die man in Peking nicht versteht. Wir fahren einmal quer durch und wieder zurück.

DatumOrtWas das ist
11.10.FrankfurtAbflug abends, Nacht über Zentralasien
12.–13.10.HongkongAnkommen. Weder ganz China noch ganz woanders
14.10.FlugNach Westen ins Landesinnere
15.–18.10.ChongqingMegastadt am Jangtse, gebaut auf Klippen
19.10.ZugHinauf aufs Hochland von Yunnan
20.–21.10.KunmingStadt des ewigen Frühlings, Tor nach Südostasien
22.10.ZugWeiter nach Westen, Richtung Berge
23.–24.10.DaliEhemaliges Königreich am See, Heimat der Bai
25.–26.10.RückwegZwei lange Zugtage ans Meer
27.–30.10.Shenzhen & GuangzhouPerlflussdelta: das neueste und das älteste China
31.10.HeimflugNachts los, morgens in Frankfurt
Chongqing bei NachtChongqing bei Nacht
Chongqing, die längste Station der Reise. Vier Nächte an einem Ort – so viel wie nirgends sonst.
Kapitel 2

Sechs Stunden vor euch

Und ab dem 25. Oktober sieben. Das liegt an euch, nicht an uns.

China hat für sein gesamtes Staatsgebiet genau eine Zeitzone – die Pekinger Zeit, 1949 eingeführt. Das Land ist von Ost nach West so breit wie die Strecke von Lissabon nach Nowosibirsk. Im äußersten Westen, in Kashgar, geht die Sonne im Winter deshalb erst gegen zehn Uhr morgens auf, und die Leute frühstücken um elf. Für uns ist das praktisch: Egal wo wir sind, es ist überall gleich spät.

Solange in Deutschland Sommerzeit gilt, sind wir sechs Stunden voraus. In der Nacht auf den 25. Oktober stellt ihr zurück – ab dann sind es sieben. In China wird nicht umgestellt.

Bei euch
08:00
Bei uns
14:00

Wenn ihr frühstückt, sitzen wir beim späten Mittagessen. Wenn bei euch die Tagesschau läuft, ist bei uns zwei Uhr nachts. Nachrichten von uns kommen also oft mitten in eurer Nacht an – das Handy nachts am besten stummschalten.

Warum Nachrichten manchmal ausbleiben

WhatsApp, Google, Instagram und die meisten deutschen Nachrichtenseiten sind auf dem chinesischen Festland gesperrt. Wir kommen nur über einen Umweg ins normale Internet – ein sogenanntes VPN – und der ist manchmal langsam oder bricht ab. Wenn also zwei Tage nichts kommt, heißt das nicht, dass etwas passiert ist. Es heißt fast immer, dass die Leitung nicht wollte.

In Hongkong am Anfang und in Shenzhen und Guangzhou am Ende ist das entspannter. Dazwischen kann es holprig werden. Alles Praktische dazu steht hinten im Kapitel „Wenn etwas ist".

Kapitel 3

China in zwölf Begriffen

Das Minimum, mit dem der Rest des Heftes Sinn ergibt.

1 · Die Größe

9,6 Millionen Quadratkilometer, rund 27-mal Deutschland, etwa 1,4 Milliarden Menschen. Am Alltag merkt man das weniger an solchen Zahlen als an Fahrplänen: Was dort als kurze Zugfahrt gilt, wäre bei uns eine Tagesreise.

2 · Eine Zeitzone

Siehe oben. Ein Land, eine Uhr – eine politische Entscheidung, keine geografische.

3 · Die Schrift

Chinesisch hat kein Alphabet. Jedes Zeichen steht für eine Silbe und eine Bedeutung. Für eine Tageszeitung braucht man ungefähr 3.000 Zeichen, ein gebildeter Erwachsener kennt etwa 8.000. Damit Ausländer eine Chance haben, gibt es Pinyin, die Umschrift in lateinischen Buchstaben. „Beijing" ist Pinyin, „Peking" eine alte deutsche Schreibweise aus dem 17. Jahrhundert.

4 · Die Töne

Hochchinesisch hat vier Töne plus einen neutralen. Dieselbe Silbe bedeutet je nach Tonhöhe etwas völlig anderes: ist die Mutter, ist Hanf, ist das Pferd, heißt schimpfen. Wer die Töne verfehlt, sagt buchstäblich etwas anderes. Deshalb werden wir viel zeigen und wenig sprechen.

5 · Die Namen

Der Familienname kommt zuerst. Bei Mao Zedong ist Mao der Nachname. Es gibt etwa hundert gebräuchliche Familiennamen für 1,4 Milliarden Menschen – rund ein Fünftel heißt Wang, Li oder Zhang.

6 · Das Geld

Die Währung heißt Renminbi, „Volksgeld"; die Einheit ist der Yuan, grob sieben bis acht auf einen Euro. Wichtiger als der Kurs: Bargeld ist praktisch verschwunden. Bezahlt wird per QR-Code über zwei Handy-Apps, Alipay und WeChat Pay – am Marktstand, im Taxi, im Tempel. Wir haben beide vorher eingerichtet und mit der Kreditkarte verknüpft. Ohne das wäre man ziemlich hilflos.

7 · Die Mauer im Netz

Für alles Gesperrte gibt es chinesische Entsprechungen – Baidu statt Google, Douyin statt TikTok, und für alles andere WeChat. WeChat ist Nachrichtendienst, Bezahlsystem, Fahrkartenschalter, Behördengang und Zeitung in einer App und wird von über einer Milliarde Menschen täglich benutzt. Wer in China lebt, kann darauf nicht verzichten.

8 · Die 56 Völker

Offiziell besteht China aus 56 anerkannten Nationalitäten. 91 Prozent sind Han-Chinesen, den Rest teilen sich 55 Minderheiten – bei dieser Bevölkerungsgröße immer noch über 120 Millionen Menschen. Yunnan, unsere dritte Region, ist die vielfältigste Provinz des Landes: 25 dieser Völker leben dort.

9 · Glück und Unglück in Zahlen

Die Acht klingt fast wie das Wort für „reich werden" und ist die Glückszahl schlechthin – Telefonnummern und Autokennzeichen mit vielen Achten kosten Aufpreis. Die Vier klingt fast wie „Tod". In vielen Hochhäusern fehlt der vierte Stock, so wie bei uns die Dreizehn.

10 · Das Gesicht

Miànzi, wörtlich „Gesicht", meint das soziale Ansehen. Man kann es geben, verlieren, jemandem nehmen. Praktisch heißt das: Kritik vor anderen ist ein schwerer Verstoß, und ein klares „Nein" ist unhöflich. Wer „das ist schwierig" sagt, meint nein.

11 · Essen ist Gemeinschaftssache

Niemand bestellt für sich allein. Alle Gerichte kommen in die Mitte, jeder nimmt sich. Ein Essen für zwei bedeutet trotzdem vier oder fünf Schüsseln, und der Gastgeber bestellt grundsätzlich zu viel – zu wenig wäre peinlich.

12 · Die Goldene Woche

Der 1. Oktober ist Nationalfeiertag, und die Woche danach hat das halbe Land frei. Es ist die größte Reisebewegung der Welt. Wir starten am 11. Oktober – bewusst danach. Dann sind die Züge wieder buchbar und die Altstädte wieder begehbar.

Kapitel 4

Die fünf Stationen

Jede mit einem Porträt, den Dingen, die man selten liest – und einer kurzen Liste dessen, was wir vielleicht erleben werden.

Wir haben keinen Tagesplan gebucht. Was unter „Was wir vielleicht erleben werden" steht, ist eine Auswahl, kein Programm – Sachen, die uns interessieren und die wir vor Ort entscheiden. Manches davon werden wir gemacht haben, wenn wir zurückkommen. Manches nicht. Das ist der Punkt.

Station eins · 12.–13. Oktober

Hongkong

香港12 OKT
Aussprache
Hoeng Gong
Menschen
7,5 Millionen
Oktober
27–30 °C, schwül
Sprache
Kantonesisch, Englisch

Hongkong ist ein Zwischenreich, und genau das macht es zum Einstieg. Weder ganz China noch ganz woanders. Auf der Straße hört man Kantonesisch, Mandarin und Englisch im selben Atemzug, die Straßenschilder sind zweisprachig, Google funktioniert, und die Doppeldecker-Straßenbahnen rattern noch immer da, wo woanders längst U-Bahnen fahren.

Woher das kommt

Die Stadt ist ein Produkt des Opiumhandels. Britische Kaufleute verkauften im 19. Jahrhundert indisches Opium nach China, um ihre Teekäufe zu bezahlen; als Peking dagegen vorging, führte das zum Ersten Opiumkrieg. 1842 musste China die Insel Hongkong abtreten, 1898 kam das Hinterland dazu – gepachtet auf 99 Jahre. Weil diese Pacht 1997 auslief und die Stadt ohne das Hinterland nicht lebensfähig gewesen wäre, wurde 1997 alles zusammen an China zurückgegeben.

Vereinbart wurde die Formel „ein Land, zwei Systeme": eigenes Rechtssystem, eigene Währung, eigene Grenze, bis 2047. Was daraus geworden ist, war 2019 wochenlang in den Nachrichten – monatelange Massenproteste, teils mit über einer Million Teilnehmern. 2020 erließ Peking ein Sicherheitsgesetz, das den Rahmen für politische Opposition drastisch verengt hat. Seither sind mehr als hunderttausend Menschen ausgewandert, vor allem nach Großbritannien und Kanada.

Für uns als Besucher ändert das im Alltag wenig. Aber es erklärt, warum diese Stadt anders wirkt als jede andere auf der Route – und warum die Leute dort über bestimmte Dinge nicht mehr laut reden.

Hafenpromenade in Tsim Sha TsuiHongkong · Victoria Harbour
Vom Ufer in Tsim Sha Tsui aus sieht man die Skyline von Hongkong Island. Hongkong hat mehr Hochhäuser als jede andere Stadt der Welt.

Wer dort lebt

Hongkong ist eine alternde Stadt, in der sich die Bevölkerung gerade austauscht. Beides gleichzeitig, und beides sieht man auf der Straße.

Die Alten. Die Lebenserwartung gehört zu den höchsten der Welt, die Geburtenrate zu den niedrigsten. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei knapp fünfzig Jahren. Wer in Hongkong alt wird und wenig Rente hat, arbeitet oft weiter – die Frauen, die morgens Kartons sammeln und zum Altpapierhändler schieben, sind meist über siebzig. Andere ziehen im Ruhestand über die Grenze nach Shenzhen, weil dort alles ein Drittel kostet.

Die Weggegangenen. Nach 2020 ist die Einwohnerzahl drei Jahre in Folge gesunken, in einem einzigen Jahr um rund 60.000 Menschen. Ausgewandert sind vor allem junge Familien und Akademiker, nach Großbritannien, Kanada und Australien. Fast jeder in Hongkong hat inzwischen jemanden, der weg ist.

Die Neuen. Seit Ende 2022 wirbt die Regierung mit einem Talentprogramm gezielt um Zuzug; über 200.000 Menschen sind seither auf diesem Weg gekommen, die meisten vom chinesischen Festland und mehr als die Hälfte unter vierzig. Dazu kommen seit Jahrzehnten 150 Personen pro Tag, die im Rahmen der Familienzusammenführung aus dem Festland zuziehen dürfen. Das verändert die Stadt hörbar: In den Läden hört man deutlich mehr Mandarin als noch vor zehn Jahren, und das ist in Hongkong ein politisches Thema.

Die Enge. Rund drei Viertel der Landfläche sind unbebaut – Berge, Naturparks, Inseln –, alle Menschen drängen sich auf dem Rest. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in staatlichen Wohnungen, und wer sich neu anstellt, wartet im Schnitt etwa fünfeinhalb Jahre auf eine. Zwischen 220.000 und 240.000 Menschen wohnen in sogenannten unterteilten Wohnungen: Eine normale Wohnung wird in vier, fünf oder sechs Kammern von wenigen Quadratmetern zerlegt, mit gemeinsamem Bad. Für die kleinsten hat sich der Ausdruck „Sargwohnung" eingebürgert. Das alles findet unsichtbar statt, in ganz normalen Hochhäusern, oft ein paar Straßen von den Luxusgeschäften entfernt.

Der 12. Oktober gehört bei uns dem Hotel. Elf Stunden Flug, sechs Stunden Zeitverschiebung, dreißig Grad und Luftfeuchtigkeit wie im Gewächshaus – da geht nichts außer duschen, in der Nähe essen und früh schlafen.

Auf dem Teller

Kantonesisch: mild, präzise, produktverliebt – das genaue Gegenteil von dem, was uns zwei Tage später erwartet. Dim Sum am Morgen, kleine gedämpfte Teigtaschen im Bambuskörbchen, dazu Tee. Es gibt in Hongkong Dim-Sum-Lokale mit Michelin-Stern zum Preis eines deutschen Mittagstischs.

Was wir vielleicht erleben werden

  • Die Star Ferry über den Hafen – seit 1888 in Betrieb, Fahrpreis etwa vierzig Cent
  • Die Hafenpromenade in Tsim Sha Tsui, abends, wenn die Fassaden angehen
  • Den Temple Street Night Market
  • Sichuan-Oper im West Kowloon Cultural District, falls es Karten gibt
Was man selten liest

Die Gerüste sind aus Bambus

Bis vor Kurzem wurden auch fünfzigstöckige Hochhäuser mit Gerüsten aus Bambus gebaut, zusammengebunden mit Kunststoffbändern, ohne eine einzige Schraube. Die Handwerker lernen den Beruf jahrelang. Bambus ist leichter als Stahl, wächst schnell nach und biegt sich bei Taifunen, statt zu brechen. Die Stadt steigt inzwischen schrittweise auf Metall um.

Sechs Töne statt vier

Kantonesisch gilt gern als Dialekt, ist aber eine eigene Sprache mit sechs Tönen statt vier. Ein Sprecher aus Peking versteht in Hongkong ungefähr so viel wie ein Hamburger im ländlichen Sizilien. Geschrieben wird trotzdem fast dasselbe – die Zeichen sind gleich, die Aussprache nicht.

Die grüne Hälfte

Rund vierzig Prozent des Territoriums sind ausgewiesene Country Parks. Von der dichtesten Skyline der Welt ist man in vierzig Minuten in subtropischem Bergwald mit Wanderwegen, Wasserfällen und Makaken. Die meisten Touristen erfahren davon nie.

Die Feiertagsdiaspora

Rund 340.000 Menschen arbeiten in Hongkong als Hausangestellte, überwiegend Frauen von den Philippinen und aus Indonesien. Sie leben im Haushalt ihrer Arbeitgeber und haben meist nur sonntags frei. Weil sie keinen eigenen Raum haben, treffen sie sich an diesem einen Tag im Freien: In der Innenstadt sitzen dann Zehntausende auf Kartons und Picknickdecken in Fußgängerzonen, unter Hochstraßen, auf Bankvorplätzen, essen zusammen und feiern Geburtstage. Wer sonntags durch Central läuft, versteht die Stadt anders.

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Station zwei · 14.–18. Oktober

Chongqing

重庆14 OKT
Aussprache
Tschung-tsching
Stadt
ca. 10 Mio.
Verwaltungsgebiet
32 Mio.
Oktober
18–24 °C, neblig

Chongqing schlägt einen sofort. Es gibt keine Ebene, auf der man sich orientieren könnte – die Stadt ergießt sich über Klippen, Hänge und Schluchten und wächst dabei gleichzeitig in die Höhe. Hochhäuser stehen auf Felsen, Treppen ersetzen Straßen, Hochbahnen fahren durch Wohnhäuser. Es gibt praktisch keine Fahrräder, weil nirgendwo etwas eben genug ist. Der Nebel, der zwischen den Gebäuden hängt und die oberen Etagen regelmäßig verschluckt, macht die Stadt zu jeder Tageszeit dramatisch.

Zur Größe, weil die Zahl irreführend ist: Das Verwaltungsgebiet ist so groß wie Österreich und hat 32 Millionen Einwohner – daher „die größte Stadt der Welt". In der eigentlichen Stadt leben rund zehn Millionen. Der Rest verteilt sich auf Kleinstädte, Dörfer und Berge, die verwaltungstechnisch dazugehören.

Warum es diese Stadt in dieser Form gibt

Drei Ereignisse haben Chongqing gemacht, und man sieht alle drei noch.

Erstens der Krieg. Als die japanische Armee 1937 die chinesische Küste eroberte, floh die Regierung nach Westen und machte Chongqing zur provisorischen Hauptstadt – geschützt durch tausend Kilometer Gebirge und durch den Nebel, der Bombenzielen im Weg stand. Trotzdem wurde die Stadt jahrelang aus der Luft angegriffen, in einem der längsten Bombardements des Zweiten Weltkriegs. In den Fels wurden Hunderte Tunnel getrieben. Die gibt es bis heute; weil sie im Sommer angenehm kühl sind, werden sie inzwischen als Restaurants, Läden und Aufenthaltsräume genutzt. Eines der bekanntesten Hot-Pot-Lokale der Stadt liegt in einem ehemaligen Luftschutzbunker.

Zweitens der Staudamm. Etwa 600 Kilometer flussabwärts steht seit 2006 der Drei-Schluchten-Damm: 185 Meter hoch, das größte Wasserkraftwerk der Welt. Der Stausee dahinter ist 660 Kilometer lang und reicht bis Chongqing – seither können Frachtschiffe aus Shanghai direkt bis hierher fahren. Der Preis war enorm: Rund 1,3 Millionen Menschen mussten umgesiedelt werden, etwa 140 Städte und Ortschaften versanken. Genau deshalb wurde Chongqing 1997 aus der Provinz Sichuan herausgelöst und Peking direkt unterstellt – jemand musste diese Umsiedlung organisieren. Viele der Umgesiedelten leben heute in den Neubauvierteln, durch die wir fahren werden.

Drittens die Fabriken. Chongqing baut Motorräder, Autos und Elektronik. Wer im Rest Chinas „Chongqing" hört, denkt an drei Dinge: Berge, Hot Pot, Fließbänder.

Warum die Leute trotzdem an die Küste gehen

Das klingt widersprüchlich, und die Auflösung ist eine Frage der Reihenfolge.

In den achtziger und neunziger Jahren war Chongqing ein klassisches Abwanderungsgebiet. Die Fabriken standen an der Küste, in Shenzhen und im Perlflussdelta, und Millionen Menschen aus dem Südwesten fuhren dorthin. Zurück blieben Alte und Kinder.

Peking hat das durchaus als Problem erkannt. Im Jahr 2000 startete ein gewaltiges Staatsprogramm mit dem Namen „Große Erschließung des Westens": Autobahnen, Bahnstrecken, Flughäfen, Steuervorteile für Firmen, die sich im Landesinneren ansiedeln. Chongqing war einer der Hauptadressaten. Ab etwa 2010 griff das, und zwar spektakulär. Weil die Löhne an der Küste stiegen, verlagerten die großen Auftragsfertiger ihre Notebook-Produktion ins Binnenland; HP, Acer, Asus und Toshiba ließen von da an hier bauen. Zeitweise stammte ein erheblicher Teil aller Laptops der Welt aus dieser einen Stadt. Dazu kam eine Güterzugverbindung quer durch Eurasien, deren europäischer Endpunkt ausgerechnet Duisburg ist.

Funktioniert hat es also – aber eben nur halb. Die Industrie kam in den Westen, die Löhne blieben trotzdem unter denen der Küste; das war ja gerade der Grund für den Umzug der Fabriken. Wer schnell Geld verdienen will, fährt weiterhin nach Guangdong. Und die Wanderung geht weiter: Seit einigen Jahren zieht ein Teil der Elektronikfertigung schon wieder ab, nach Vietnam und Indien, aus demselben Motiv. Übrig bleibt eine Stadt, die beides gleichzeitig ist – Ziel und Ausgangspunkt. Man trifft in Chongqing Leute, die nach zwanzig Jahren an der Küste zurückgekommen sind, und daneben junge Leute, die gerade ihren Koffer packen.

Hongyadong bei NachtHongyadong · Stelzenbauten in der Klippe
Hongyadong: sieben Stockwerke, in die Felswand gebaut, abends komplett beleuchtet. Chinesische Besucher fahren wegen dieses Anblicks quer durchs Land.

Wer dort lebt

Chongqing gilt in China als raue, direkte, humorvolle Stadt – ungefähr das, was das Ruhrgebiet in Deutschland ist. Die Leute reden laut, essen scharf und gelten als unkompliziert.

In den Dörfern des Umlands fällt bis heute die Altersverteilung auf: viele Alte, viele Kinder, wenig dazwischen. Für die Kinder, deren Eltern zum Arbeiten weggezogen sind und die bei den Großeltern aufwachsen, gibt es in China ein eigenes Wort – liúshǒu értóng, „zurückgelassene Kinder". Es betrifft mehrere zehn Millionen. Die Zahl sinkt, seit die Industrie näher an die Heimatorte gerückt ist, aber sie ist immer noch groß.

Und dann ist die Stadt in den letzten fünfzehn Jahren zum Reiseziel für junge Chinesen geworden. Sie kommen wegen der Kulisse: Videos aus Chongqing funktionieren auf Douyin so gut, dass ganze Stadtviertel inzwischen davon leben. Wir werden dort mehr chinesische Handykameras sehen als westliche Gesichter.

Auf dem Teller

Sichuanesisch, in der schärfsten Ausprägung. Das Schlüsselwort ist málà, zusammengesetzt aus „taub" und „scharf". Chili liefert die Schärfe, Sichuan-Pfeffer das Kribbeln. Dazu Xiaomian, eine Nudelsuppe mit Sesamöl und Chili, mit der die Stadt morgens frühstückt, für umgerechnet einen Euro.

Hochbahn fährt durch ein WohnhausLiziba · Bahn durchs Wohnhaus
Station Liziba: Die Hochbahn fährt durch die Etagen sechs bis acht eines neunzehnstöckigen Wohngebäudes. Beides wurde gleichzeitig geplant, mit Schallschutz.

Was wir vielleicht erleben werden

  • Ciqikou, die Altstadt, die Chongqing nicht abgerissen hat
  • Hongyadong am Abend, wenn die Stelzenbauten angehen
  • Chaotianmen, die Spitze der Halbinsel, wo Jangtse und Jialing zusammenlaufen
  • Das Drei-Schluchten-Museum – die Geschichte des Flusses und der versunkenen Dörfer
  • Liziba, die Bahn durchs Wohnhaus
  • Ein Teehaus, einen Morgenmarkt, die längste Graffiti-Straße Chinas
  • Und einen Tag ohne alles davon
Was man selten liest

Der Pfeffer, der bei 50 Hertz vibriert

Sichuan-Pfeffer ist kein Pfeffer und nicht scharf. Er enthält einen Stoff, der die Tastnerven der Lippen reizt – nicht die Schmerz- oder Geschmacksnerven. Britische Forscher gaben Probanden Sichuan-Pfeffer und baten sie anschließend, das Gefühl mit einem Vibrationsgerät nachzustellen. Fast alle landeten bei etwa fünfzig Schwingungen pro Sekunde. Man schmeckt ihn nicht. Man fühlt ihn.

Der Feuertopf kommt von den Flussschiffern

Der Hot Pot war ursprünglich Armeleuteessen. Bootsleute und Hafenarbeiter am Jangtse kauften die Innereien, die sonst niemand wollte, und kochten sie in einem scharfen Sud – die Schärfe überdeckte den Geschmack, das Fett wärmte im feuchten Winter. Heute ist daraus eine Milliardenindustrie geworden, mit Lokalen von mehreren hundert Tischen.

Die Männer mit den Bambusstangen

Weil die Stadt aus Treppen besteht, gibt es einen Beruf, den es sonst kaum noch gibt: die Bangbang jun, die „Stangen-Armee". Männer vom Land, die mit einer Bambusstange und zwei Seilen alles tragen, was sich nicht rollen lässt – Kühlschränke, Waschmaschinen, Marktware, ganze Umzüge. In den Achtzigern waren es Hunderttausende, heute noch ein paar Tausend, die meisten über sechzig. Lieferdienst-Apps und Aufzüge haben sie verdrängt.

Sichuan rappt

Ausgerechnet der Südwesten ist die Hip-Hop-Hauptstadt Chinas. Im benachbarten Chengdu gründete sich 2008 ein Kollektiv namens Chengdu Rap House, das seither die bekanntesten Rapper des Landes hervorbringt – die Higher Brothers, Wang Yitai, Vava. Der Grund, den alle nennen: der sichuanesische Dialekt. Er hat einen federnden, näselnden Rhythmus, der sich für Rap besser eignet als das gleichmäßigere Hochchinesische. Bis vor wenigen Jahren galt Regionalakzent in China als provinziell; Studienanfänger in Peking legten ihn ab. Der Erfolg der Sichuan-Rapper hat das gedreht.

2018 verbannte die Medienaufsicht Hip-Hop und Tätowierte vorübergehend aus dem Fernsehen: die Kultur sei „geschmacklos, vulgär und obszön". Der Bann hielt nicht lange, die Musik war zu populär. Was blieb, ist eine Szene, die genau weiß, wo die Linien verlaufen. Freestyle-Battles in Kellerclubs gibt es kaum noch – dabei wird zu viel gesagt, was nicht gesagt werden darf. Stattdessen kurze Clips auf Douyin.

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Station drei · 19.–21. Oktober

Kunming

昆明19 OKT
Aussprache
Kun-ming
Menschen
rund 8 Millionen
Höhe
1.890 m
Oktober
10–21 °C, sonnig

Die Fahrt dorthin zählen wir zum Programm: durch das Wumeng-Gebirge, Hunderte Tunnel und Viadukte, dazwischen Schluchten, die tief aufgehen, und Dörfer auf Felsterrassen, zu denen keine Straße führt. Man sitzt mit Tee am Fenster und schaut zu, wie China sich verändert – die feuchten Becken Sichuans weichen einer trockeneren, rötlicheren Welt.

Kunming heißt „Stadt des ewigen Frühlings", und der Name hält, was er verspricht. Auf 1.890 Metern, aber weit im Süden gelegen, hat die Stadt das ganze Jahr über zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Grad. Im Oktober ist es tagsüber warm und nachts kühl – wir werden zum ersten Mal seit dem Abflug eine Jacke brauchen.

Wo wir hier eigentlich sind

Yunnan ist Chinas Südwestecke, und die Nachbarn heißen Myanmar, Laos und Vietnam. Das prägt alles: die Küche, die Gesichter, die Sprachen, den Handel. Die Provinz wurde erst im 13. Jahrhundert unter den Mongolen fest ins chinesische Reich eingegliedert – vorher war sie eigenständig. Bis heute leben hier 25 der 55 anerkannten Minderheiten, viele mit eigener Sprache und eigener Schrift.

Kunming ist der Punkt, an dem alles zusammenläuft. Es war seit Jahrhunderten Umschlagplatz der Karawanen aus Tibet und Burma, dann Endpunkt einer französischen Schmalspurbahn, die ab 1910 von Vietnam heraufführte – Yunnan lag damals in der französischen Interessensphäre. Und im Zweiten Weltkrieg war die Stadt Chinas Hintertür zur Welt: Nachdem die Japaner die Küste besetzt hatten, kam Nachschub nur noch über die Burma Road und über eine Luftbrücke aus Indien. Heute ist Kunming Chinas Drehscheibe nach Südostasien, mit einer Schnellzugverbindung bis nach Laos.

Cuihu-Park in KunmingCuihu · Der grüne See
Der Cuihu-Park mitten in Kunming. Ab Oktober kommen die Möwen, und die halbe Stadt füttert sie.

Wer dort lebt

Kunming gilt als die entspannteste Millionenstadt Chinas – mildes Klima, keine Industrieballung, viel Zeit im Freien. Rentner spielen tagsüber in den Parks Karten und Mahjong, tanzen abends auf öffentlichen Plätzen. Gleichzeitig ist die Stadt in dreißig Jahren rasant gewachsen und hat heute etwa so viele Einwohner wie die Schweiz. In den Vierteln rund um die Kunstakademie hat sich eine kleine, ruhige Kreativszene angesiedelt: unabhängige Cafés, Buchläden, Galerien.

Auf dem Teller

Eine Offenbarung nach Sichuan: milder, kräuterreicher, mit Wildpilzen, gegrilltem Käse und Blütengerichten, die man vorher nicht kannte. Und Kunming ist der wichtigste Handelsplatz für Pu-Erh-Tee in China – für jemanden, der beruflich mit Terroir und Alterung zu tun hat, einer der interessantesten Stopps der Reise.

Was wir vielleicht erleben werden

  • Den Cuihu-See mit den Möwen
  • Den Pu-Erh-Großhandelsmarkt – echter Handelsbetrieb, kein Souvenirladen
  • Das Provinzmuseum mit der Sammlung zu den Minderheitenvölkern, als Vorbereitung auf Dali
  • Guandu, eine kleine erhaltene Altstadt am Stadtrand
  • Vielleicht den Steinwald von Shilin, vielleicht auch nicht
Was man selten liest

Die Möwen kommen aus Sibirien

Seit dem Winter 1985 fliegen jedes Jahr Zehntausende Lachmöwen vom Baikalsee und aus Sibirien nach Kunming und überwintern auf dem Cuihu-See. Warum sie damals kamen, weiß niemand genau. Die Stadt hat sie adoptiert: Es gibt Möwenfutter an Automaten, ein Fütterungsverbot mit Brot, ehrenamtliche Aufsicht und jedes Jahr im Herbst eine Zeitungsmeldung, wann der erste Vogel gesichtet wurde. Unsere Ankunft fällt ziemlich genau auf den Beginn der Saison.

Die Universität im Exil

Als 1937 die Küste fiel, flohen die Universitäten von Peking, Tsinghua und Nankai nach Kunming und schlossen sich zu einer einzigen Hochschule zusammen: der Südwestlichen Vereinigten Universität. Neun Jahre lang unterrichteten Chinas beste Professoren in Baracken mit Blechdächern, bei Fliegeralarm und ohne Bücher. Aus dieser Notgemeinschaft gingen später zwei Physik-Nobelpreisträger hervor. In China ist diese Universität eine Legende; hier wird sie gerne mit dem verglichen, was Deutschland damals an Geist verloren hat.

Asiens größter Blumenmarkt

Vor der Stadt liegt Dounan, der größte Handelsplatz für Schnittblumen in ganz Asien. Angefangen hat er 1998 als Dorfmarkt, auf dem Bauern ihre Gladiolen verkauften. Heute wechseln dort täglich Millionen Blumen den Besitzer, ein Großteil davon nachts, und der Preis, der in Dounan aufgerufen wird, gilt als Barometer für ganz China. Ein wachsender Teil des Geschäfts läuft über Livestreams – Händlerinnen sitzen zwischen den Eimern und verkaufen live an Kundinnen in Peking.

China trinkt Kaffee – und der kommt von hier

Yunnan produziert fast den gesamten chinesischen Kaffee. Angebaut wird er seit dem 19. Jahrhundert; groß wurde es erst, als Nestlé in den Achtzigern Bauern zum Umstieg überredete. Inzwischen gibt es hier eine Spezialitätenkaffee-Szene mit eigenen Röstereien, und in Chinas Städten wachsen die Kaffeeketten schneller als irgendwo sonst. Ein Land des Tees, das sich nebenbei ein zweites Getränk zulegt.

Die Fliegenden Tiger

Bevor die USA offiziell in den Krieg eintraten, warben sie amerikanische Piloten als „Freiwillige" an und schickten sie nach Kunming, um chinesische Städte gegen japanische Bomber zu verteidigen. Die Maschinen trugen ein aufgemaltes Haigebiss an der Nase, die Truppe hieß bald „Flying Tigers". Später kam die Luftbrücke über den Ostrand des Himalaya dazu, die die Piloten „The Hump" nannten, den Buckel – keine Radarnavigation, keine Wetterdaten, Berge bis fünftausend Meter. Über tausend Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Kunming war der Zielflughafen. Eine der Cocktailbars der Stadt heißt bis heute so.

Die Pilzsaison

Yunnan ist das Pilzparadies Chinas – mehrere hundert essbare Arten, viele davon nirgendwo sonst. Es ist zugleich das Land mit den meisten Pilzvergiftungen. Jeden Sommer füllen sich die Krankenhäuser, weil jemand eine Art erwischt hat, die nicht tödlich ist, aber Halluzinationen auslöst. Die Betroffenen berichten fast alle dasselbe: kleine tanzende Männchen. Das ist im chinesischen Internet zu einem eigenen Genre geworden, mit Zeichentrickfilmen und einem offiziellen Aufklärungsvideo der Provinzregierung, in dem singende Pilze davor warnen, sie zu essen. Wir kommen im Oktober, wenn die Saison vorbei ist – und essen unsere Pilze im Restaurant, wo sie vorher jemand geprüft hat.

Nudeln, die eine Liebesgeschichte sind

Das Nationalgericht der Provinz heißt Guoqiao Mixian, „Reisnudeln über die Brücke". Die Legende: Eine Frau brachte ihrem Mann, der zum Lernen auf eine Insel gezogen war, täglich Suppe – die unterwegs kalt wurde. Bis sie merkte, dass eine dicke Schicht Hühnerfett auf der Brühe die Hitze hält. So wird es bis heute serviert: Die Brühe kommt kochend heiß, aber ohne sichtbaren Dampf an den Tisch, und man gart die rohen Zutaten selbst darin. Wer sie für lauwarm hält, verbrennt sich zuverlässig.

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Station vier · 22.–24. Oktober

Dali

大理22 OKT
Aussprache
Da-li
Höhe
2.000 m
Oktober
10–22 °C, klar
Volk
Bai

Irgendwann auf der Fahrt öffnet sich das Tal – links die Gipfel der Cangshan, rechts die ersten Silberbänder des Erhai-Sees. Dali empfängt einen sanfter als Chongqing und entspannter als Kunming. Die Altstadt liegt auf einer schmalen fruchtbaren Ebene zwischen einem viertausend Meter hohen Bergkamm und einem See von der Größe des Bodensees. Enger und schöner kann eine Lage kaum sein.

Ein Land, das mal keins mehr war

Dali war zweimal Hauptstadt eines eigenständigen Reiches: des Nanzhao-Königreichs (738–902) und des Königreichs Dali (937–1253). Nanzhao war stark genug, um chinesische Armeen zu schlagen und bis nach Burma auszugreifen. Beendet wurde das erst durch die Mongolen unter Kublai Khan – die alte Stadt wurde zerstört, die Archive verbrannt. Was heute steht, ist eine Neugründung des 14. Jahrhunderts.

Geblieben ist die Bai-Kultur, die hier zu Hause ist: eigene Sprache, eigene Architektur, eigene Küche, eigenes Handwerk. Rund zwei Millionen Menschen gehören zu den Bai, die meisten leben hier. Wer die Häuser sieht, erkennt es sofort: Vierflügelhöfe mit einer weiß getünchten Wand, die das Licht in den Innenhof spiegelt, oft bemalt mit Landschaften in Tusche.

Das vergessene Sultanat

Es gibt eine zweite Unabhängigkeitsgeschichte, die in keinem Reiseprospekt steht. Mitte des 19. Jahrhunderts erhoben sich die muslimischen Hui in Yunnan gegen die Herrschaft der Qing – Auslöser waren Streitigkeiten um Bergwerke und ein Massaker an Muslimen. Der Aufstand hielt siebzehn Jahre. Sein Anführer Du Wenxiu machte Dali zur Hauptstadt eines eigenen Staates, der große Teile der Provinz kontrollierte und Gesandte bis nach London schickte. 1872 wurde die Stadt eingenommen und der Aufstand niedergeschlagen; die Opferzahlen gehen in die Hunderttausende, manche Schätzungen sprechen von weit mehr. In Dali steht bis heute die Moschee, in der Du Wenxiu residierte.

Das erklärt auch etwas an der Küche: Warum es hier so viel Rindfleisch und so wenig Schwein gibt und warum an vielen Straßenständen das arabische Zeichen für „halal" hängt.

Die Altstadt selbst ist touristisch, das muss man wissen. Aber schon zwei Straßen hinter der Hauptachse hängt wieder Wäsche, spielen Kinder, verkauft jemand Gemüse. Und der See, der Berg, die Weite lassen sich von keinem Souvenirladen wegnehmen.

Die Drei Pagoden von DaliDie Drei Pagoden · Chongsheng-Tempel
Die Drei Pagoden stehen seit dem 9. Jahrhundert. Die mittlere ist 69 Meter hoch. Ein Erdbeben legte 1925 große Teile der Stadt in Schutt – die Pagoden blieben stehen.

Der See, der fast gekippt wäre

Der Erhai ist rund 250 Quadratkilometer groß und vierzig Kilometer lang. In den 2010er-Jahren wurde er zum Problem: Tausende Gästehäuser und Restaurants am Ufer leiteten ihre Abwässer direkt in den See, dazu kam Dünger von den Feldern. Es gab wiederholt schwere Algenblüten. 2017 reagierten die Behörden mit voller Wucht – über tausend Betriebe am Ufer mussten binnen zehn Tagen schließen, viele wurden abgerissen. Ohne Entschädigung, ohne Ankündigung. Seither ist das Wasser deutlich besser, und am Westufer verläuft ein weitgehend autofreier Rad- und Fußweg, der zu den schönsten Südwestchinas gehört.

Es ist ein gutes Beispiel für die Art, wie in China Politik gemacht wird: jahrelang gar nichts, dann eine Entscheidung von oben, die über Nacht gilt. Umweltschutz und Enteignung in einem Vorgang.

Bai-Architektur in XizhouXizhou · Bai-Höfe
Xizhou, achtzehn Kilometer nördlich der Altstadt. Traditionelle Vierflügelhöfe, Reisfelder, kaum Tourismus.

Auf dem Teller

Bai-Küche: Reiskuchen, gegrillter Milchkäse (ja, in China – eine seltene Ausnahme), Fisch aus dem Erhai, Wildpilze aus den Cangshan-Wäldern. Dazu Xizhou Baba, ein Fladenbrot aus dem Lehmofen, salzig mit Hackfleisch oder süß mit Rosenkonfitüre, für ein paar Cent an jeder Ecke.

Was wir vielleicht erleben werden

  • Die Drei Pagoden, morgens, bevor die Busgruppen kommen
  • Mit dem Fahrrad am Westufer des Erhai entlang
  • Xizhou, das Bai-Dorf mit den Höfen und den Reisfeldern
  • Die Renmin Lu und die Seitengassen, ohne Programm
  • Vielleicht mit der Seilbahn auf den Cangshan
  • Den Drei-Gang-Tee der Bai, wenn sich die Gelegenheit ergibt
Was man selten liest

Marmor heißt auf Chinesisch „Dali-Stein"

Die Cangshan-Berge liefern seit Jahrhunderten einen weiß-grau geäderten Marmor, der so berühmt war, dass das chinesische Wort für Marmor bis heute wörtlich „Dali-Stein" lautet: 大理石, dàlǐshí. Die schönsten Platten wurden gar nicht verbaut, sondern gerahmt und als Landschaftsbild an die Wand gehängt: Berge, die zufällig im Stein entstanden sind.

Die Teepferdestraße

Lange bevor es Straßen gab, führte hier eine Karawanenroute von Yunnan nach Tibet und weiter nach Indien: die alte Tee-Pferde-Straße. Nach Norden ging gepresster Tee, nach Süden kamen tibetische Pferde. Der Pu-Erh-Tee wurde für diesen Transport überhaupt erst zu Fladen gepresst, weil das für Packtiere kompakter war. Dass er dabei unterwegs weiterreifte und besser wurde, war ein Nebeneffekt, der später zum Verkaufsargument wurde.

Blau gefärbt in Zhoucheng

Im Nachbardorf Zhoucheng wird Stoff nach einem alten Bai-Verfahren gefärbt: Das Tuch wird von Hand abgebunden – mit Nadel und Faden zu Tausenden kleiner Knoten – und dann in Indigo getaucht. Wo der Faden sitzt, bleibt der Stoff weiß. Aufgeknotet wird erst nach dem Trocknen, und erst dann sieht man das Muster. Das Verfahren steht auf der chinesischen Liste des immateriellen Kulturerbes; die Muster tauchen inzwischen in Modekollektionen auf.

Yunnan Reggae

Der zweite Musikexport des Südwestens nach dem Sichuan-Rap, und er ist noch unwahrscheinlicher: Reggae. In den Bars von Dali lief in den Nullerjahren Bob Marley, ohne dass die Gäste wussten, wer das war – sie mochten einfach den Takt. Daraus ist ein eigenes Genre geworden, das im chinesischen Netz unter dem Namen „Yunnan Reggae" läuft. Die bekannteste Band heißt Kawa und benennt sich nach den Wa, einem Bergvolk an der Grenze zu Myanmar; die Musiker stammen aus vier verschiedenen Minderheiten und singen teils in ihren eigenen Sprachen über Wälder, Dörfer und Bäume. Der jamaikanische Off-Beat und die Musik der Yunnaner Bergvölker passen erstaunlich gut zusammen, und beide handeln davon, sich von einer Mehrheitskultur nicht ganz einverleiben zu lassen. Wenn wir abends auf der Renmin Lu irgendwo sitzen und es klingt nach Karibik, dann ist das kein Zufall.

Warum die Chinesen wirklich herkommen

Für viele chinesische Besucher ist Dali vor allem ein Romanschauplatz. Der Schriftsteller Jin Yong, eine Art Tolkien der chinesischsprachigen Welt, hat das Königreich Dali zum Schauplatz mehrerer seiner Ritterromane gemacht – Bücher, die jeder gelesen und in mindestens drei Fernsehfassungen gesehen hat. Wer hier durch die Altstadt läuft, läuft für viele Mitreisende durch eine Kulisse aus der eigenen Jugend. Ungefähr so, als würde man als Deutscher durch Karl Mays Kulissen laufen, nur mit Bergen und Schwertern.

Dalifornia

Seit ein paar Jahren hat Dali einen Ruf als Ventil des chinesischen Hochdrucksystems. Ehemalige Programmierer aus Shenzhen, Immobilienmakler aus Hangzhou, Musiker, Aussteiger – viele sind während der Pandemie hergezogen und geblieben. Sie haben Kaffeestände aufgemacht, Buchläden, Bars. Die Stadt nennt sich selbst „Dalifornia", halb ironisch, halb ernst.

Dahinter stehen zwei Begriffe, die man kennen muss, um junge Chinesen zu verstehen. Neijuan (內卷), meist mit „Involution" übersetzt, beschreibt einen Wettbewerb, in dem alle immer mehr leisten und dafür immer weniger bekommen – ein Laufband, das schneller wird, ohne irgendwohin zu führen. Es beginnt im Kindergarten und endet im Büro mit der 996-Kultur: neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sechs Tage die Woche. Die Antwort darauf heißt Tangping (躺平), „flach liegen": bewusst nicht mitmachen. Kein Aufstieg, kein Statuskonsum, oft auch keine Kinder. Die Staatsmedien nannten das 2021 eine „Schande". Das Wort wurde trotzdem zum Ausdruck des Jahres.

Dali ist der Ort, an dem man das anschauen kann. Auf der Renmin Lu sitzen Leute, die nicht weitermüssen. Das ist das China, das in den Nachrichten nicht vorkommt.

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Station fünf · 25.–31. Oktober

Shenzhen &
Guangzhou

广州27 OKT
Shenzhen
17,5 Mio.
Guangzhou
18,7 Mio.
Oktober
23–29 °C
Dazwischen
35 Zugminuten

Zuerst zwei lange Zugtage zurück ans Meer. Danach vier Tage Ausklang im Perlflussdelta – der Region, in der ein erheblicher Teil der Konsumgüter dieser Welt hergestellt wird. Zwei Städte, 35 Zugminuten auseinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Die eine ist vierzig Jahre alt, die andere zweitausend.

Shenzhen, das Experiment

1980 erklärte Deng Xiaoping ein Gebiet an der Grenze zu Hongkong zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas: ein Testfeld für Marktwirtschaft in einem sozialistischen Staat, räumlich eingezäunt, damit das Experiment nicht ausfranst. Damals lebten dort einige zehntausend Menschen in Fischerdörfern. Heute sind es über siebzehn Millionen.

Was daraus geworden ist, ist eine Stadt ohne historische Schichten und mit einem Durchschnittsalter um die dreißig – fast alle sind zugezogen, aus dem ganzen Land. Hier sitzen Huawei, Tencent und BYD. Wer eine Idee für ein technisches Gerät hat, kann in Shenzhen morgens die Bauteile kaufen und abends einen Prototypen haben; nirgends sonst geht das.

Angefangen hat diese Fähigkeit allerdings mit dem Fälschen. In den Neunzigern und Nullerjahren war die Region das Zentrum der sogenannten Shanzhai-Kultur – das Wort bedeutet ursprünglich „Bergfestung" und meinte Räuberlager, heute meint es die offene, fast schon augenzwinkernde Kopie. Aus Nokia wurde Nokir, aus Samsung Samsing. Handys mit acht SIM-Karten, mit eingebautem Rasierer, in Zigarettenschachtelform. Was als Diebstahl anfing, wurde zur Werkstatt: Die Leute, die diese Geräte zusammenbauten, verstanden am Ende mehr von der Fertigung als die Firmen, die sie kopierten. Ein Teil der heutigen Elektronikindustrie Shenzhens stammt direkt aus dieser Schule.

Und Shenzhen ist die elektrischste Stadt der Welt. Sämtliche Stadtbusse und praktisch alle Taxis fahren mit Batterie, seit ungefähr zehn Jahren. Das hört man vor allem: Eine chinesische Millionenstadt, in der es an der Ampel still ist, ist eine seltsame Erfahrung.

Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn hat Shenzhen kaum. Was man dort mitnimmt, ist eine Erfahrung: wie es sich anfühlt, wenn eine Millionenstadt kein Gedächtnis hat.

Skyline von ShenzhenShenzhen · vierzig Jahre alt
Shenzhen: 1980 ein Grenzbezirk mit Fischerdörfern, heute eine der dichtesten Städte der Welt.

Guangzhou, das alte Kanton

Und dann, eine halbe Stunde entfernt, das Gegenteil. Guangzhou ist seit über zweitausend Jahren Handelsstadt und war der südliche Endpunkt der Seidenstraße zur See. Von 1757 bis 1842 durften europäische Händler in ganz China an genau einem Ort Geschäfte machen: hier, und dort nur auf einem schmalen Streifen am Flussufer, den sie im Winter wieder verlassen mussten. Über diesen Flaschenhals lief der gesamte Handel zwischen Europa und China – Tee, Seide, Porzellan hinaus, Silber hinein. Als die Briten anfingen, statt Silber Opium zu liefern, entstand daraus der Konflikt, an dessen Ende Hongkong stand. Unsere erste und unsere letzte Station hängen also an derselben Geschichte.

Diese Vergangenheit steckt in der Architektur, in den Teehäusern und vor allem in der Küche. Kantonesisch gilt vielen als die anspruchsvollste Regionalküche Chinas, und Dim Sum hat hier den Rang einer eigenen Kunstform mit über hundertjähriger Frühstückskultur. Es gibt Leute in Guangzhou, die täglich eine Stunde fahren, um im richtigen Teehaus zu frühstücken.

Die Stadt heißt im Chinesischen auch Yangcheng, „Stadt der Ziegen". Der Legende nach kamen fünf Unsterbliche auf fünf Ziegenböcken geritten und brachten Reisähren mit, damit die Gegend nie wieder Hunger leiden müsse. Im Yuexiu-Park steht dazu ein Denkmal. Für eine Stadt, deren Selbstverständnis komplett am Essen hängt, ist das eine passende Gründungsgeschichte.

Alles mit vier Beinen außer dem Tisch

Ja, den Spruch gibt es, und er stammt nicht von Ausländern, sondern von anderen Chinesen über die Kantonesen: Sie essen alles, was vier Beine hat, außer dem Tisch, alles was fliegt, außer dem Flugzeug, und alles was schwimmt, außer dem U-Boot. Gemeint ist eine Küche, die vor keinem Tier und keinem Körperteil zurückschreckt – Hühnerfüße, Schweineohren, Schlange, Schildkröte, Innereien in allen Varianten. Der Hintergrund ist nicht Abenteuerlust, sondern die alte Vorstellung, dass Essen und Medizin dasselbe sind: Jede Zutat hat eine Wirkung auf den Körper, kühlend oder wärmend, und man isst je nach Jahreszeit und Zustand.

Es gibt eine ernste Seite. Der Handel mit Wildtieren für die Küche war in Guangdong lange verbreitet, mit Märkten, auf denen lebende Tiere verschiedener Arten dicht nebeneinander gehalten wurden. Genau dort entstand 2002 die Lungenkrankheit SARS, die sich von Guangdong aus über die Welt verbreitete; als Zwischenwirt gelten Larvenroller vom Markt. China hat den Handel danach eingeschränkt und nach der Corona-Pandemie 2020 den Verzehr von Wildtieren weitgehend verboten. Was auf unseren Tellern landet, ist also durchweg Zuchtware – aber das Thema ist in Südchina bis heute präsent, und wer hier über Essen redet, redet immer auch darüber.

Für uns heißt das vor allem eins: Yum Cha, wörtlich „Tee trinken". Man geht morgens ins Teehaus, bestellt eine Kanne und dazu ein paar Körbchen, und bleibt zwei Stunden. Die klassische Bestellung heißt „eine Kanne, zwei Stück". Dass daraus meistens acht werden, hat noch niemandem geschadet.

Shamian Island in GuangzhouShamian · Kolonialviertel
Shamian Island: europäische Handelshäuser des 19. Jahrhunderts, Platanen, kaum Verkehr. Der einzige Ort, an dem Ausländer damals wohnen durften.

Was wir vielleicht erleben werden

  • OCT Loft in Shenzhen – Fabrikgebäude, heute Galerien und Cafés
  • Nantou, eine Ming-zeitliche Altstadt, die von Shenzhen einfach umwachsen wurde
  • Huaqiangbei, den Elektronikmarkt, oder Dafen, das Malerdorf
  • Yum Cha in Guangzhou, morgens zwischen neun und elf
  • Shamian Island
  • Den Yuexiu-Park mit den fünf Ziegenböcken, vielleicht mit Opernsängern
  • Die Gassen von Liwan, ohne Ziel
Was man selten liest

Die Dörfer in der Stadt

Als Shenzhen wuchs, kaufte die Stadt das Ackerland der Dörfer auf, nicht aber deren Wohngrundstücke. Die Bauern bauten daraufhin auf ihren kleinen Parzellen so hoch und so eng wie möglich und vermieteten an Zugezogene. Ergebnis sind die Chengzhongcun, „Dörfer in der Stadt": Blöcke mit Gassen, in denen sich die Nachbarn aus den Fenstern die Hand geben können, mitten zwischen Glastürmen. Dort wohnt ein großer Teil derer, die Shenzhen am Laufen halten. Manche werden abgerissen, andere von Architekten und Galerien umgenutzt.

Tang-Gedichte reimen sich auf Kantonesisch

Kantonesisch hat mehr Laute des mittelalterlichen Chinesisch bewahrt als das heutige Hochchinesisch. Klassische Gedichte aus der Tang-Zeit, die auf Mandarin gelesen ihren Reim verloren haben, klingen auf Kantonesisch noch immer sauber. Ein Argument, das kantonesische Sprecher gern und mit Genuss vortragen.

Klein-Afrika in Guangzhou

Seit den späten Neunzigern kommen afrikanische Händler nach Guangzhou, um Waren einzukaufen und containerweise nach Hause zu verschiffen – Textilien, Elektronik, Ersatzteile. Rund um das Viertel Xiaobei entstand daraus eine eigene Welt mit nigerianischen Restaurants, Moscheen und Speditionen. Die Zahlen sind seit der Pandemie stark zurückgegangen, aber es ist bis heute die größte afrikanische Gemeinschaft Asiens. Die ARTE-Dokumentation „Black China" hat darüber erzählt.

Das Dorf, das die Van Goghs der Welt malt

Im Osten Shenzhens liegt Dafen, bis Ende der Achtziger ein armes Dorf. 1989 richtete dort ein Kantonese eine Werkstatt ein, in der Angestellte berühmte Ölgemälde kopierten. Daraus wurde die größte Malwerkstatt der Welt: Tausende Maler, Hunderte Ateliers, Millionen Bilder im Jahr, ein Großteil davon für den Export. Schätzungen zufolge stammt ein erheblicher Teil aller handgemalten Kopien weltweit von hier – die Sonnenblumen im Hotelzimmer, das Ölbild über dem Sofa im Möbelhauskatalog. Manche Maler haben sich auf eine einzige Epoche spezialisiert und malen seit zwanzig Jahren fast nur van Gogh. Inzwischen entstehen dort auch eigene Werke, und Dafen streitet mit sich selbst darüber, ob es ein Handwerksbetrieb oder ein Künstlerviertel ist.

Die Messe, die den Oktober regiert

Seit 1957 findet in Guangzhou zweimal jährlich die Kanton-Messe statt, Chinas größte Handelsmesse und eine der größten der Welt: rund 200.000 Besucher aus etwa 200 Ländern auf über einer Million Quadratmetern. Damals war sie Chinas einziges Fenster zum Welthandel, heute ist sie der Ort, an dem Einkäufer aus aller Welt entscheiden, was nächstes Jahr in unseren Regalen liegt. Die Herbstausgabe läuft in drei Phasen von Mitte Oktober bis Anfang November – wir sind also mitten in der Saison dort. Praktische Folge: Guangzhous Hotels sind in diesen Wochen voll und teuer, und in der U-Bahn stehen Leute mit Musterkoffern.

Oper im Park

Die kantonesische Oper ist eine eigene Kunstform mit eigener Sprache, eigenen Stücken und einer Geschichte von mehreren Jahrhunderten; die UNESCO hat sie 2009 als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Man muss dafür in Guangzhou nicht ins Theater gehen. In den Parks treffen sich Laiengruppen, meist ältere Leute, bauen Verstärker und Klappstühle auf und singen. Wer sonntags durch einen Park läuft, kommt an zwei oder drei solchen Runden vorbei, die alle gleichzeitig spielen.

Die Männer mit den Vogelkäfigen

In den Parks von Guangzhou und in den Gassen von Liwan sieht man morgens ältere Männer, die ihre Singvögel im Käfig spazieren tragen und dann nebeneinander aufhängen, damit die Vögel voneinander lernen. Das läuft ganz ohne Publikum: ein Hobby mit eigenen Vereinen, eigenen Wettbewerben und einem Markt für Käfige, die mehr kosten als der Vogel.

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Kapitel 5

Land & Leute

Sechs Themen, die auf der ganzen Route wiederkehren.

I · Was auf den Tisch kommt

„Chinesisches Essen" gibt es nicht. Es gibt acht große Regionalküchen, die sich untereinander so wenig ähneln wie die neapolitanische der norwegischen. Drei davon berührt unsere Reise, und zwar in maximaler Gegensätzlichkeit.

Kantonesisch (Hongkong, Guangzhou): mild, präzise, produktverliebt. Gedämpft statt gebraten, wenig Gewürz, weil das Produkt schmecken soll. Dim Sum ist der Extremfall – Dutzende winzige Gerichte, jedes handgefaltet.

Sichuanesisch (Chongqing): das Gegenteil. Das Prinzip heißt málà, „taub-scharf". Chili liefert die Schärfe, Sichuan-Pfeffer das Kribbeln. Zusammen ergibt das ein Gefühl, für das es im Deutschen kein Wort gibt.

Yunnanesisch (Kunming, Dali): kräuterreich, mit Wildpilzen, Blüten, gegrilltem Käse, deutlich weniger Chili. Beeinflusst von Myanmar, Laos und Vietnam und von den Minderheiten der Provinz.

FeuertopfFeuertopf · málà
Der Feuertopf: ein Topf mit brodelnder Brühe in der Tischmitte, dazu rohe Zutaten, die jeder selbst hineingibt. Dauert Stunden. Ist genau so gedacht.

Wie am Tisch gegessen wird

Alles kommt in die Mitte, jeder nimmt sich mit den Stäbchen. Reis läuft als Sättigungsbeilage mit. Die Suppe kommt oft zum Schluss. Wer nicht mehr kann, lässt einen Rest liegen – ein leerer Teller signalisiert, dass zu wenig bestellt wurde. Und: Stäbchen niemals senkrecht in den Reis stecken. So werden Räucherstäbchen für die Toten aufgestellt.

II · Tee

Tee ist in China kein Getränk, sondern ein Aggregatzustand. Es gibt ihn im Zug, im Baumarkt, beim Arzt. Für unsere Reise sind zwei Sorten wichtig.

Pu-Erh aus Yunnan ist der einzige chinesische Tee, der bewusst gealtert wird. Es gibt ihn in zwei Ausführungen: Sheng, roh, der über Jahre und Jahrzehnte natürlich nachreift und dabei von herb und grasig zu weich und erdig wird. Und Shou, seit 1973 durch kontrollierte Fermentation beschleunigt – der Versuch, in Wochen zu erreichen, wofür die Natur dreißig Jahre braucht. Gepresst wird er zu Fladen von meist 357 Gramm, ein Maß aus der Karawanenzeit. Alte Fladen renommierter Manufakturen werden gehandelt wie Bordeaux, mit Auktionen, Jahrgangsdebatten und einer beachtlichen Fälschungsindustrie.

Gepresster Pu-Erh-TeefladenPu-Erh · gepresster Fladen
357 Gramm pro Fladen – ein Maß aus der Zeit, als der Tee auf Packpferden nach Tibet ging.

Drei-Gang-Tee der Bai in Dali funktioniert anders: drei Tassen nacheinander. Die erste bitter, die zweite süß mit Walnuss und braunem Zucker, die dritte würzig mit Ingwer und Zimt. Bitter, süß, nachdenklich – das Leben in drei Schlucken. Wird traditionell für Gäste und bei Hochzeiten serviert.

III · Sprache und Schrift

Hochchinesisch ist Amtssprache und wird überall unterrichtet, aber gesprochen wird daneben ein gutes Dutzend eigenständiger Sprachen. Kantonesisch in Hongkong und Guangzhou, Sichuanesisch in Chongqing, Bai in Dali. Die Schrift verbindet sie: Dieselben Zeichen werden je nach Region völlig anders ausgesprochen, bedeuten aber dasselbe. Ein Kantonese und ein Pekinger verständigen sich schriftlich mühelos und mündlich fast gar nicht.

Für uns heißt das: Google Translate mit Kamerafunktion ist das wichtigste Werkzeug der Reise. Speisekarte hinhalten, Foto machen, lesen. Die Übersetzungen sind komisch, aber ausreichend.

IV · Musik und junge Leute

Das Bild, das man in Deutschland von chinesischer Jugend hat, schwankt zwischen Fließband und Überwachung. Beides greift zu kurz. Es gibt eine große, laute Popkultur, die sich fast vollständig innerhalb der Landesgrenzen abspielt: Streamingdienste mit Hunderten Millionen Nutzern, Castingshows, eine Livestream-Ökonomie, in der junge Leute stundenlang vor der Kamera sitzen und Dinge verkaufen – vom Lippenstift bis zur Rose vom Blumenmarkt in Kunming.

Und es gibt Nischen. Der Sichuan-Rap aus Chengdu, dessen Erfolg dem Dialekt eine Würde zurückgegeben hat. Die Indie-Szene in Dali. Die Craft-Beer-Bars in Chongqing. Was alle gemeinsam haben: Sie kennen die Linien sehr genau. Man kann in China über fast alles singen, außer über drei oder vier Dinge – und alle wissen, welche. Das Ergebnis ist eine Kultur, die extrem gut in Andeutung ist.

V · Wie sich das Land bewegt

China hat in zwanzig Jahren ein Hochgeschwindigkeitsnetz von über 45.000 Kilometern gebaut – mehr als der gesamte Rest der Welt zusammen. Die Züge fahren 300 bis 350 km/h, pünktlich, sauber und in einer Frequenz, die man aus Deutschland nicht kennt.

Der Ablauf ist eher Flughafen als Bahnhof: Tickets sind erst zwei Wochen vor Abfahrt buchbar und personengebunden, der Reisepass ist gleichzeitig die Fahrkarte. Man kommt 45 Minuten vorher, geht durch Sicherheitskontrolle und Ausweisprüfung, wartet in einer Halle, und das Gate öffnet fünfzehn Minuten vor Abfahrt. Wer zu spät kommt, fährt nicht mit. Dafür weiß jeder, wo er sitzt, und niemand steht im Gang.

Chinesischer HochgeschwindigkeitszugHochgeschwindigkeitszug
Die Strecke Chongqing–Kunming führt durch das Wumeng-Gebirge und gilt als eine der schönsten des Landes.

VI · Wer dort lebt

Die 55 anerkannten Minderheiten machen knapp neun Prozent der Bevölkerung aus – bei 1,4 Milliarden Menschen über 120 Millionen. In Yunnan konzentriert sich diese Vielfalt: 25 Völker, viele mit eigener Sprache. Die Bai in Dali sind mit rund zwei Millionen eine der größeren Gruppen.

Die zweite große Bewegung ist die Binnenmigration. Hunderte Millionen Menschen arbeiten in einer anderen Stadt als der, in der sie gemeldet sind. Das liegt am Hukou, einem Haushaltsregister, das an den Geburtsort gebunden ist und über Schulplatz, Krankenversicherung und Rente entscheidet. Wer nach Shenzhen zieht, arbeitet dort – bekommt aber die Rechte eines Einheimischen oft nicht. Deshalb bleiben die Kinder bei den Großeltern im Heimatdorf. Das ist der Grund, warum in Chongqing so viele ältere Menschen mit kleinen Kindern unterwegs sind, während die mittlere Generation fehlt. Und der Grund, warum Shenzhen so jung ist.

Kapitel 6

Wenn etwas ist

Kein Grund zur Sorge, aber besser aufgeschrieben als gesucht.

Wir nutzen unterwegs eine Hongkonger SIM-Karte. Die funktioniert auch auf dem Festland und bringt den Zugang zum normalen Internet gleich mit – deshalb erreicht ihr uns über die üblichen Wege, wenn Netz da ist. Die deutsche Nummer liegt derweil weitgehend still; SMS dorthin sind also kein zuverlässiger Weg.

Am ehesten erreicht ihr uns morgens und abends, wenn wir im Hotel sind. Chinesische Hotels haben durchweg WLAN, aber dieses WLAN kommt nicht ohne Umweg ins normale Netz. Rechnet also damit, dass Antworten Stunden dauern können.

Falls wirklich etwas Ernstes ist – bei euch oder bei uns – gibt es einen Weg, der unabhängig von unserem Handy funktioniert: die deutschen Auslandsvertretungen. Es gibt einen chinaweiten Bereitschaftsdienst rund um die Uhr, und die Zuständigkeit richtet sich nach der Region.

Bereitschaftsdienst, chinaweit, rund um die Uhr

+86 10 8532 9202

Für deutsche Staatsangehörige, außerhalb der Öffnungszeiten. Keine Visa-Auskünfte.


Generalkonsulat Hongkong

Zuständig für Hongkong und Macau — 12.–14. Oktober
21/F United Centre, 95 Queensway, Admiralty, Hongkong

+852 2105 8777


Generalkonsulat Chengdu

Zuständig für Chongqing, Sichuan, Yunnan und Guizhou — 14.–26. Oktober
Western Tower, 25th Floor, No. 19, 4th Section Renmin Nan Road, Chengdu

+86 28 8528 0800


Generalkonsulat Kanton (Guangzhou)

Zuständig für Guangdong, also Shenzhen und Guangzhou — 26.–31. Oktober
14th Floor, Teem Tower, 208 Tianhe Road, Tianhe District, Guangzhou

+86 20 8313 0000

Aktuelle Angaben und Öffnungszeiten stehen beim Auswärtigen Amt unter china.diplo.de. Unsere Flugdaten, Passnummern und die Auslandskrankenversicherung liegen zu Hause in der Schublade – wo genau, sagen wir euch vor der Abreise noch.

Kapitel 7

Die Mediathek

Konkrete Sachen, alle auf Deutsch, alle kostenlos. Für die drei Wochen, in denen ihr Zeit habt.

Zum Anschauen

Zum Hören

Zum Lesen

Ein Buch

Yu Hua: „China in zehn Wörtern" – zehn Begriffe, zehn Essays, und danach versteht man das Land besser als nach den meisten Sachbüchern. Yu Hua schreibt als Romancier, mit Szenen statt Analysen. Erschienen unter anderem in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, dort für wenige Euro.

Hinweis

Mediatheken nehmen Sendungen nach einer Weile wieder heraus. Wenn ein Link ins Leere führt, hilft der Titel im Suchfeld der jeweiligen Mediathek fast immer weiter – oder die ARTE-Playlist oben.

Wir haben Euch lieb. Schön, dass ihr mitreist.

Zwei Mäuse im Reich der Mitte · Handbuch für zu Hause · Reise vom 11. bis 31. Oktober 2026 · Kanton – Sichuan – Yunnan

Die Fotos stammen aus Wikimedia Commons und stehen unter freien Lizenzen; die Urheber sind unter dem jeweiligen Bild genannt. Zahlen und Öffnungszeiten ändern sich – im Zweifel gilt, was vor Ort steht.

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